Der Preis für freie Wissenschaft

Fast 4.000 Euro musste die Universität Bielefeld zahlen, um einen Artikel zur Krebsforschung zu veröffentlichen. Nicht um die Erkenntnisse zu erlangen, sondern nur damit die Forschungsergebnisse öffentlich sind und andere Wissenschaftler*innen darauf zugreifen können. So läuft es in der Wissenschaft: Wer Ergebnisse publizieren will, muss oftmals viel Geld zahlen. Denn hinter dem wissenschaftlichen Publizieren steht ein System, von dem vor allem private Konzerne profitieren – und zwar auf Kosten aller Steuerzahler*innen.

Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Springer Nature oder Wiley bekommen von Hochschulen Geld dafür, dass sie Forschungsergebnisse veröffentlichen. Es sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die an Hochschulen erarbeitet wurden. Forschung wird in Deutschland zum großen Teil aus Steuermitteln finanziert. Über Umwege fließen also Steuergelder an private Verlage, die große Gewinne abschöpfen. Elseviers Mutterkonzern RELX hatte 2024 eine Nettogewinnmarge von rund 21 Prozent, etwa so hoch wie die des Tech-Konzerns Apple. 

Doch so ungerecht dieses System scheint, so unvermeidbar ist es für Wissenschaftler*innen. Sie sind darauf angewiesen, in den Journals der Verlage zu veröffentlichen. Nur so können sie ihre Arbeit in der Fachwelt publik machen und damit ihre wissenschaftliche Karriere und Forschung vorantreiben.

Um mehr über das Geschäft der Wissenschaftsverlage herauszufinden, haben wir Presseanfragen an Universitäten und das Bundeskartellamt gesendet, mit Expert*innen und Wissenschaftler*innen gesprochen sowie Datenbanken durchsucht. 

Vor den DEAL-Verträgen

Wer verstehen will, wie das System heute funktioniert, muss in die Vergangenheit blicken: In den 2000er Jahren stiegen die Kosten fürs Publizieren immer weiter an, maßgeblich getrieben durch die Preispolitik großer Verlage. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, schlossen sich mehrere Wissenschaftsorganisationen in Deutschland zusammen. Gemeinsam handelten sie neue Verträge mit den größten Wissenschaftsverlagen aus. Entstanden ist das Projekt DEAL. Es sollte die Abhängigkeit der Wissenschaft von den Verlagen reduzieren und das Publizieren fairer machen. Die Ziele: weniger Kosten für Universitäten, mehr frei zugängliche Publikationen (Open Access) und mehr Transparenz im Geschäft mit den Verlagen. Hat das geklappt?

Vor DEAL war es so: Jede Universität verhandelte selbst mit den Wissenschaftsverlagen über Preise. Mitunter waren Verschwiegenheitsklauseln in den Verträgen. So gab es kaum Transparenz über die tatsächlichen Kosten des wissenschaftlichen Publizierens. 

Wenn Forschende ihre Artikel in Fachmagazinen hinter einer Bezahlschranke veröffentlichten, mussten sie dafür zwar nichts bezahlen. Doch damit Studierende und Wissenschaftler*innen auf diese Artikel zugreifen konnten, mussten Universitätsbibliotheken teure Abos kaufen. Wollten Forschende ihre Arbeit hingegen frei für alle zugänglich machen (Open Access), mussten sie dafür extra Gebühren an die Verlage überweisen.

Das Ergebnis war eine doppelte Belastung für die Kassen der Universitäten: Sie zahlten einerseits die hohen Abonnementpreise für die Zeitschriften und andererseits zusätzlich die Gebühren für einzelne Open-Access-Artikel in denselben Heften.

So viel Geld verlangen Wissenschaftsverlage

Nachdem die DEAL-Verträge 2019 in Kraft traten, verbesserte sich zunächst die Transparenz: Seitdem zahlen alle Universitäten den gleichen Preis für die Publikation eines Artikels – und der ist für die Öffentlichkeit einsehbar. Bei Springer Nature liegt der Preis für einen Artikel aktuell bei 2.600 Euro. Auch andere Verlage verlangen Beträge im vierstelligen Bereich. Wie sie auf diese Beträge kommen ist jedoch unklar. 

Weder Autor*innen noch die Peer-Reviewer*innen, die Studien prüfen, bekommen ein Honorar von den Verlagen. Eine Studie schätzt die tatsächlichen Kosten, die einem Verlag für die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Textes entstehen, auf rund 350 Euro. Der Verlag Springer Nature erklärt auf Nachfrage, der Preis spiegele die Kosten für Begutachtung, Verbesserung und Veröffentlichung wider. Außerdem bewerbe der Verlag die Artikel und sorge dafür, dass sie auffindbar seien.

Ein Erfolg: Mehr Open Access

Ein Erfolg von DEAL: Die Menge der frei zugänglichen wissenschaftlichen Paper hat seit 2019 zugenommen. Inzwischen sind 67 Prozent der mehr als 830.000 Zeitschriftenartikel der letzten fünf Jahre aus Deutschland unter Open Access erschienen. Das ist deutlich mehr als vorher. Außerdem können auch Lesende außerhalb der Universitäten auf Paper zugreifen.

Die DEAL-Verträge haben also durchaus für mehr Transparenz und leichteren Zugang gesorgt. Aber: Die Kosten für wissenschaftliche Artikel sind immer noch sehr hoch. „Eine dauerhafte Entlastung des Bibliotheksetats ist nicht zu erwarten”, sagt die Bibliotheksdirektorin der Universität Rostock. Sie gehe davon aus, dass die Kosten zukünftig noch steigen werden. Auch eine Prognose der Universität Potsdam rechnet mit steigenden Kosten in den nächsten Jahren.

Durch die DEAL-Verträge schultern vor allem die großen, forschungsstarken Universitäten mehr Kosten. Wer viel forscht und damit viel publiziert, zahlt mehr. So tragen große Universitäten den freien Zugang zu Forschung für alle mit.

Verlage boykottieren?

Eine perfekte Lösung scheint DEAL also nicht zu sein. Wissenschaftsforscher Benedikt Fecher hat einiges daran auszusetzen. Er forscht seit Jahren am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft zu Open Access, Forschungsinfrastrukturen und wissenschaftlichem Publizieren. Seine Kritik: Am Ende profitieren vor allem jene Forschenden, deren Institutionen es sich leisten können, Geld an Wissenschaftsverlage zu zahlen – alle anderen haben von DEAL wenig. 

Wie viel Geld zahlt deine Universität an Verlage, damit Forschung Open Access ist? Hier kannst du es nachlesen.

Doch für Forschende gibt es keinen Weg vorbei an dem herrschenden System. Wer seine Karrierechancen erhöhen will, muss seine Erkenntnisse in den großen Fachzeitschriften veröffentlichen. Für ihren Chef gelte Forschung nur dann als großartig, wenn sie in renommierten Journalen wie Science oder Nature erscheint, sagt etwa eine Biologie-Doktorandin. Ob die Erkenntnis gesellschaftlich relevant ist, sei nicht so wichtig.

Dabei gab es bereits Versuche, Verlage zu entmachten. Als die DEAL-Verhandlungen 2018 mit dem Verlag Elsevier in der ersten Runde scheiterten, riefen Forschende zum Boykott von Elsevier auf. Sie schickten sich ihre Paper gegenseitig auf Anfrage zu. Doch der Boykott-Versuch floppte: Im selben Jahr erschienen dennoch Tausende Publikationen aus Deutschland in Elsevier-Journalen.

Es gibt andere Wege

Eigentlich sollte es in Zeiten des Internets nicht schwer sein, wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln, zu ordnen und allen digital zugänglich zu machen. Wissenschaftsforscher Fecher glaubt: Das Defizit liege auch in der Wissenschaft selbst – in fehlender Überzeugung der Fachgesellschaften von Open Access, in einem projektfixierten Fördersystem, das zu wenig Mittel für langfristige Infrastrukturpflege und technische Weiterentwicklung bereithält. „Eine nachhaltige Publikationskultur ist keine technische Herausforderung, sondern eine soziale und politische”, sagt Fecher.

Die DEAL-Verträge haben nicht, wie erhofft, eine Open-Access-Revolution hervorgebracht. Doch es gibt längst Alternativen: Bestimmte Open-Access-Zeitschriften greifen auf Artikel zurück, die Forscher bereits kostenlos auf öffentlichen Servern geteilt haben. Eine freiwillige Redaktion organisiert die Qualitätsprüfung. Oft finanzieren Universitäten oder Stiftungen den Betrieb. Weder Lesende noch Autor*innen müssen dafür zahlen. Das Ergebnis: unabhängige Wissenschaft ohne Bezahlschranken.
 

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