Razzien, Ermittlungen und Gesetzesänderungen. Viel ist passiert, seitdem wir vor rund einem Jahr gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale das Steueroasen-Verzeichnis veröffentlicht haben; eine interaktive Karte, mit der deutsche Steueroasen digital durchsucht werden können. Wir haben damals gezeigt, wo milliardenschwere Tochterunternehmen eines DAX-Konzerns ihren Geschäftssitz im Gerätehaus der Freiwilligen Dorf-Feuerwehr angemeldet haben, wie sich vielerorts hunderte Firmen eine Adresse in einem Wohnhaus teilen und dass selbst ein baufälliges und offensichtlich leer stehendes Gebäude als angeblicher Sitz von Dutzenden Firmen durchging. Jetzt ist das Steueroasen-Verzeichnis für den Grimme Online Award 2026 nominiert.
Zeit für eine Zwischenbilanz zu Deutschlands Steueroasen.
Rund eine Milliarde Euro gehen den öffentlichen Kassen jedes Jahr verloren, weil Unternehmen ihren Sitz in eine deutsche Steueroase verlegen – also in Gemeinden, die nur eine sehr niedrige Gewerbesteuer erheben. Und wenn Unternehmen den Sitz in der Steueroase nur vortäuschen, während die tatsächliche Arbeit an anderer Stelle passiert, ist das Steuerhinterziehung und strafbar.
Um diesen massiven Schaden für die Allgemeinheit zu verringern, fordern Expert*innen seit Jahren die Untergrenze für den Gewerbesteuerhebesatz zu erhöhen. Aus dem Hebesatz, den jede Gemeinde selbst festlegen darf, berechnet sich die Höhe der Gewerbesteuer, die dort ansässige Unternehmen auf ihren Gewinn zahlen müssen.
Grund für Gesetzesänderung: „Recherche von FragDenStaat“
Und tatsächlich hat die Bundesregierung bereits kurz nach unserer Veröffentlichung ein Gesetz vorgelegt, um „rein steuermotivierten Unternehmensverlagerungen“, also dem – oft nur vorgetäuschten – Umzug in Steueroasen, entgegenzuwirken. Der Mindesthebesatz soll am 1. Januar 2027 von 200 auf 280 steigen. In der vorangegangen Sitzung des Finanzausschusses wurde offen auf unsere Berichterstattung über Steueroasen verwiesen.
Doch offenbar soll es nicht bei dieser Erhöhung bleiben. So liegt seit kurzem ein weiterer Gesetzentwurf der Bundesregierung vor, laut dem die Untergrenze auf 300 erhöht werden soll. Die Begründung der Bundesregierung im Gesetzentwurf: „Laut einer Recherche von FragDenStaat haben lediglich 23 sogenannte ,Gewerbesteueroasen’ einem Hebesatz von unter 280.“ Durch die stärkere Erhöhung wären mindestens 14 weitere Steueroasen erfasst und es würde „ein klares Signal“ gesendet.
Die Anhebung würde zusätzliche Steuereinnahmen im unteren dreistelligen Millionenbereich bringen, schätzt Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit. Es ist Geld, das uns allen zugute kommt und bisher durch das System der Steueroasen verloren ging. Schätzungsweise 20 neue Schulen, hunderte Kilometer Radweg oder knapp 1.000 kommunale Wohnungen könnten so jedes Jahr finanziert werden.
Trautvetter begrüßt es zwar, dass die Bundesregierung bereits die nächste Erhöhung plant, verweist aber zugleich darauf, dass auch diese nicht ausreiche, um das System der Steueroasen endgültig zu stoppen. „Sie bleibt weiter hinter dem vom Städtetag geforderten Steuersatz zurück, der die Gewinnverschiebung unattraktiv machen würde und löst nicht das grundlegende Problem der Gewerbesteuer“, sagt er.
Razzia in Steueroase: Handy des Bürgermeisters beschlagnahmt
Auch die Steuerfahndungen haben offenbar unser Steueroasen-Verzeichnis studiert. So kam es seit unserer Veröffentlichung zu mehreren Razzien. Ende September rückte die Polizei im thüringischen Langenwolschendorf direkt bei der Gemeindeverwaltung zur Durchsuchung an. Unter anderem beschlagnahmten die Beamt*innen das private Mobiltelefon des Bürgermeisters der 700-Seelen-Gemeinde. Der Verdacht: Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Langenwolschendorf hat den niedrigsten Gewerbesteuersatz in ganz Deutschland. Aktuell sind fast 200 Unternehmen dort gemeldet.
Im April durchsuchte die Steuerfahndung mehrere Gebäude in Bayern und Nordrhein-Westfalen, die wir in unserem Steueroasen-Verzeichnis gelistet haben und an denen dutzende Unternehmen sich eine Adresse teilten. In einem Wohngebiet in Monheim am Rhein rückten Ermittler*innen an, weil in einer Doppelhaushälfte mehr als 100 Firmen gemeldet waren. Ein Dienstleister bot unter dieser Adresse einen steueroptimierten Firmensitz an. Laut Tagesschau wird nun wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung gegen den Anbieter ermittelt. Er soll den Firmen einen Scheinsitz ermöglicht haben.
Die zuständige Staatsanwaltschaft will sich auf unsere Presseanfrage zu dem Fall nicht äußern und verweist auf das Steuergeheimnis. Unklar ist deshalb, ob auch gegen die dort gemeldeten Firmen ermittelt wird. Zahlreiche Unternehmen, die dort gemeldet waren, wurden in den vergangenen Monaten aufgelöst. Rund zwei Dutzend weitere Firmen haben seit unserer Veröffentlichung ihren Firmensitz aus der Doppelhaushälfte verlegt.
Viele Promis weiterhin in Steueroasen, andere flüchteten
Im Juni – also wenige Wochen nach der Razzia an ihrem Firmensitz – änderte etwa, die Vermarktungsfirma der Ärztin und Influencerin Carola Holzner ihre offizielle Adresse. Als „Doc Caro“ hat Holzner eine eigene Sendung bei Vox, auf Instagram folgen ihr knapp eine halbe Million Menschen, zudem ist sie Charity-Botschafterin für mehrere Organisationen. Seit dem Adresswechsel ist die Doc Caro GmbH nicht mehr in der Doppelhaushälfte in Monheim gemeldet, sondern in Mülheim am Rhein, dem Wohnort von Holzner – wo die Gewerbesteuer mehr als doppelt so hoch ist. Unsere Fragen zu ihrem früheren Firmensitz in der Steueroase beantwortete Holzner nicht.
Die Unternehmen anderer prominenter Personen wie TV-Star Stefan Raab, Rapper Kollegah oder Sängerin Shirin David, deren Firmensitze wir in unserem Steueroasen-Verzeichnis offengelegt hatten, sitzen unverändert an den bisherigen Adressen in Steueroasen wie Zossen, Monheim oder Leverkusen. Und auch dutzende Tochterfirmen von DAX-Konzernen sind unverändert an steuergünstigen Adressen mit teils hunderten anderen Firmen registriert.
Die wohl absurdeste Steueroase Deutschlands ist hingegen dank unserer Recherchen endgültig trockengelegt. Zum 1. Januar dieses Jahres wurde der Forstgutsbezirk Sachsenwald als eigenständige Verwaltungseinheit aufgelöst. In dem Wald in der Nähe von Hamburg waren mehr als 20 Firmen in einer kleinen Holzhütte gemeldet und zahlten ihre sehr niedrigen Steuern nicht in öffentliche Kassen, sondern an den Waldbesitzer Gregor von Bismarck, den Ururenkel des Reichsgründers Otto von Bismarck. Grundlage für dieses absurde Konstrukt war ein juristisches Relikt aus der Kaiserzeit. Nachdem wir den Fall öffentlich gemacht hatten, beschloss der schleswig-holsteinische Landtag einstimmig, dem ein Ende zu setzen. Mittlerweile sitzen die meisten der Firmen aus der Waldhütte in Hamburg und zahlen dort Steuern, die der Allgemeinheit zugutekommen. Es lohnt sich, Steueroasen genau in den Blick zu nehmen.
→ Zum Steueroasen-Verzeichnis
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