100 Millionen Euro für eine PR-Show

Weiße Container, Reihe an Reihe. Davor, dahinter und dazwischen befinden sich Stacheldrahtzäune. Keine Bäume, nur Kies und Asphalt. Das Foto zeigt ein von der Europäischen Union finanziertes Aufnahmelager für Geflüchtete auf der griechischen Insel Samos. Darunter steht in Großbuchstaben: „This is what we do not want“.

Was die EU-Kommission stattdessen will, ist auf den nachfolgenden Folien derselben Präsentation zu sehen: ein „Ecovillage“ mit bunten Häusern, „Feel-Good-Beleuchtung“, Bildungsprogrammen und einer Stromversorgung durch Solarenergie. Doch daraus wurde nichts – und das war absehbar. 

Über Monate haben wir zum Bau des neuen Aufnahmelagers auf der griechischen Insel Lesbos recherchiert. Wir haben mit dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) Dokumente bei EU-Behörden erhalten und waren vor Ort, um die Pläne mit der Realität abzugleichen. Mehrere dieser Dokumente veröffentlichen wir erstmals. Sie zeigen, dass das „Ecovillage“ mehr eine Kommunikationsstrategie war, um negative Schlagzeilen abzuwenden. Denn gebaut wurde stattdessen ein Lager, das mindestens 100 Millionen Euro Steuergeld kostet, einem Gefängnis ähnelt und Menschenleben gefährdet. 

Nach Moria: Reform zur Abschottung

Dabei sollte nach dem Brand in dem Aufnahmelager Moria, das ebenfalls auf Lesbos war, alles anders werden. Ausgelegt auf 3.000 Menschen hausten dort zeitweise bis zu 20.000 Schutzsuchende. Die Zelte standen dicht an dicht. Es fehlte an Wasser, Seife und ärztlicher Versorgung. Im September 2020 brannte das Lager vollständig ab. „We should have no more camps like Moria“, sagte die damalige EU-Kommissarin Ylva Johansson kurz darauf und kündigte in den Monaten danach den Bau von fünf neuen EU-finanzierten Camps an. Diese sollten vor allem eines sein: sicherer und humaner. 

Der Brand in Moria wurde zum politischen Startschuss für eine Reform – jedoch nicht für eine humanere. Zwei Wochen nach dem Feuer stellte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den „New Pact on Migration and Asylum“ vor und belebte damit die seit 2016 festgefahrene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS). Herausgekommen ist jedoch eine stärkere Abschottung. Seit Juni 2026 gilt die GEAS-Reform. Ein Kern sind verpflichtende Grenzverfahren. Asylanträge sollen größtenteils direkt an der EU-Außengrenze in einem beschleunigten Verfahren geprüft werden. Für solche Grenzverfahren benötigt die EU Lager an ihren Außengrenzen, die Betroffene bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag nicht verlassen dürfen. 

Mittlerweile sind drei der fünf angekündigten Camps in Betrieb. Die Lager ähneln Gefängnissen. Sie sind mit Stacheldraht eingezäunt und lückenlos mit Videokameras überwacht, teilweise können sie sogar Betten filmen. Bereits 2021 haben wir gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale aufgedeckt, dass die EU-Grundrechtsagentur (FRA) davor warnte, die Gestaltung der Lager könne Menschen retraumatisieren, die Gewalt und Verfolgung erfahren haben. Trotzdem wurden die Lager so gebaut. 

Das „Ecovillage“ als PR-Strategie

Das fünfte Lager entsteht auf Lesbos, wo lange Zeit die meisten Menschen nach der lebensgefährlichen Überfahrt aus der Türkei ankamen. Da die öffentliche Kritik an den Camps auf den anderen Inseln bereits gewachsen war, stellte die Task Force Migrationsmanagement, die von der EU-Kommission für den Bau der Lager konstituiert wurde, ein völlig neues Konzept vor. In einer Pressemitteilung steht, dass die finalen Pläne Räume für Bildung, Freizeit und Sport vorsehen. 

Wie das genau aussieht, zeigt eine Präsentation, die wir erstmals veröffentlichen. Es soll kein Camp, sondern ein Campus mit Bildungseinrichtungen für Landwirtschaft und Forschung entstehen. Die Wände der Gebäude sollen von lokalen Künstler*innen bemalt werden. Die Infrastruktur soll fast autark durch Solarenergie und Wasseraufbereitung funktionieren. 

  • Präsentation der Task Force Migration Management vom 1. August 2021

  • Präsentation der Task Force Migration Management vom 1. August 2021

  • Präsentation der Task Force Migration Management vom 1. August 2021

  • Präsentation der Task Force Migration Management vom 1. August 2021

Doch worum es der EU-Kommission bei diesem Konzept vor allem geht, verrät die Präsentation selbst. Als ersten Grund dafür, dass Lesbos anders aussehen soll als Samos, nennt die Taskforce, dass negative Schlagzeilen über die „Gefängnisse auf den griechischen Inseln“ vermieden werden sollen. 

Präsentation der Task Force Migration Management vom 1. August 2021

Dass dieses Konzept nicht Realität werden würde, wusste die EU früh. Bereits im November 2022 hielt die EU-Grundrechteagentur in einem bislang unveröffentlichten Bericht fest, dass es Bemühungen gebe „die haftähnliche Umgebung abzumildern“, durch Bäume und Begrünung entlang der Zäune. Doch im selben Satz wird ebenfalls festgehalten, dass, „der Gesamtzuschnitt und die Sicherheitsvorkehrungen aber denen in anderen neuen Zentren entsprechen“ werde. Mit „anderen Zentren“ sind jene Lager auf Samos, Kos und Leros gemeint.

Mission Report der EU-Grundrechtsagentur (FRA)

Im waldbrandgefährdeten Gebiet gebaut

Seit fast fünf Jahren wird das neue Lager Vastria auf Lesbos gebaut. Ursprünglich sollte es im September 2021 eröffnet werden, doch das Datum wurde seither 13-mal verschoben, wie ein Dokument des griechischen Migrationsministeriums zeigt. Auf Nachfrage konnte uns die EU-Kommission kein Eröffnungsdatum nennen. 

Durch die jahrelange Verzögerung steigen auch die Kosten. Vastria wird vollständig von der EU finanziert. Ursprünglich waren für den Bau rund 100 Millionen Euro veranschlagt. Aufgrund der Verzögerung dürften die Kosten jedoch höher liegen. Auf Anfrage teilte eine Sprecherin der EU-Kommission lediglich mit, dass die endgültigen Kosten erst nach Fertigstellung bestätigt werden könnten. 

Hinzu kommt, dass das Camp aufgrund seiner Lage für die Bewohner*innen lebensgefährlich sein könnte. Denn Vastria liegt weit im Landesinneren, etwa 30 Kilometer von der Hafenstadt Mytilini entfernt in einem Kiefernwald, nahe einer Mülldeponie. Es gibt keine Busverbindung. Wo die asphaltierte Straße endet, führt die Strecke kilometerlang über Schotter durch den Kiefernwald. Am Ende steht ein Gittertor, Stacheldrahtzaun und eine Person in einem Pickup, die den Eingang bewacht. Die griechischen Behörden lassen Journalist*innen nicht hinein. Wir konnten das Camp von den umliegenden Hügeln aus überblicken. Man sieht weiße Container und Beton. Grünflächen sind kaum zu erkennen. 

Lager Vastria auf Lesbos

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Alice Pesavento

„Wenn ihr mich fragen würdet, wie man den ganzen Wald auf Lesbos auf einmal abbrennen kann, würde ich sagen: Starte das Feuer hier“, sagt Babis Petsikos, UN-Sonderexperte für Wälder und Klimawandel und Mitarbeiter des Forstamts auf Lesbos. Dabei zeigt er auf einer Karte genau den Ort, an dem das Camp Vastria gebaut wurde. Laut dem europäischen Waldbrand-Informationssystem gilt das Gebiet als waldbrandgefährdet. 

Wie real diese Gefahr ist, zeigt der vergangene Sommer. Durch die extremen Hitzewellen nehmen die Waldbrände zu. Auch Lesbos bleibt davon nicht verschont. Ende Juli brannten dort 61 Hektar Wald ab. Das entspricht einer Fläche von etwa 87 Fußballfeldern. Zu dem durch die Klimakrise erhöhten Risiko kommt hinzu, dass die Unterkunft an sich die Brandgefahr vervielfacht. Wie Petsikos 2023 in einem Bericht schreibt, kommt es in vergleichbaren Lagern jährlich zu dutzenden Bränden. Er warnt, dass mit der Eröffnung der Unterkunft nicht nur das Risiko möglicher Brandursachen schlagartig ansteige, sondern auch die Zahl der gefährdeten Menschen einen Höchststand erreiche. 

Hinzu kommt, dass es kaum Evakuierungsmöglichkeiten gibt. Nur zwei Waldwege führen vom Lager weg, die für eine Evakuierung von Tausenden Menschen völlig unzureichend wäre. Für die Hauptzufahrt musste eine 500 Meter lange Schneise durch den Wald geschlagen werden. Und das Lager befindet sich teilweise in einem Wildtierschutzgebiet. Dadurch gingen nicht nur wichtige Lebensräume für Tiere und Pflanzen verloren. Lärm und Licht durch den Betrieb des Camps können negative Auswirkungen auf das umliegende Ökosystem haben. 

Die EU-Kommission saß mit am Tisch

Dabei hat die EU Kriterien festgelegt, die bestimmen, wie und wo das Lager gebaut werden sollte. In einem Briefing hielt die EU-Agentur für Asyl (EUAA) fest, das neue Lager solle an einem Standort entstehen, „der hinsichtlich Gesundheits- und Sicherheitsrisiken für die Bewohner und Mitarbeiter des Aufnahmezentrums sicher ist“. Trotzdem fiel die Wahl auf den brandgefährdeten Kiefernwald. 

Wir haben die EU gefragt, warum dieser Standort gewählt wurde. Eine Sprecherin der Kommission antwortete, die Standortauswahl obliege allein dem Mitgliedstaat, im Fall von Vastria also Griechenland. Mit am Tisch saß die EU dennoch, wie Dokumente zeigen. Beate Gminder, die stellvertretende Generaldirektorin der Task Force Migration, reiste im November 2020 nach Lesbos. Gemeinsam mit dem damaligen griechischen Migrationsminister Notis Mitarakis und einer Gruppe von Fachberatern besichtigte sie mehrere mögliche Standorte. 

Briefing der EU-Asylagentur

Griechenland antwortete auf keine unserer Anfragen. Allerdings sagte der damalige Migrationsminister Nikolaos Panagiotopoulos im Februar 2025: „Der Betrieb der neuen Struktur und die Bewegung von Einwandern ins Hinterland der Insel werden zur touristischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Insel beitragen.“ Das Lager sei zu 95 Prozent fertiggestellt und werde noch 2025 eröffnen. Das ist bis heute nicht eingetreten. Stattdessen plant Griechenland den Bau zwei weiterer geschlossener Lager auf der Insel Kreta – vermutlich ebenfalls mit EU-Steuergeld.

Die Recherche wurde gefördert und unterstützt von Netzwerk Recherche und der gemeinnützigen Umwelt-Förderorganisation Olin GmbH.

→ Zur Anfrage an die EU-Kommission

→ Zur Anfrage an die EU-Asylagentur 

→ Zu einer weiteren Anfrage an die EU-Asylagentur 

→ Zur Anfrage an die EU-Grundrechtsagentur

 

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