Klaus Barbie wurde als „Schlächter von Lyon“ bekannt. Der NS-Kriegsverbrecher war von 1942 bis 1944 Gestapo-Chef in Südfrankreich. Er überlebte den Zweiten Weltkrieg. Später arbeitete Barbie zeitweise als Agent für den Auslandsgeheimdienst der neugegründeten Bundesrepublik, den Bundesnachrichtendienst (BND). Wir veröffentlichen erstmals Geheimdienstakten aus den Archiven von BND und Verfassungsschutz zu Barbie und anderen Nazi-Funktionären, die nach dem Krieg wieder für deutsche Behörden gearbeitet haben.
Die Akten zeigen: Kriegsverbrecher Barbie war unter dem Namen „Klaus Altmann“ in den 1960er-Jahren ein halbes Jahr lang für die Bundesrepublik tätig, wurde dann als Agent abgeschaltet. Erst in den 1980er-Jahren wurde Barbie in Bolivien festgenommen und nach Frankreich ausgeliefert, wo er im Gefängnis starb.
Auch zum SS-Verbrecher Adolf Eichmann veröffentlichen wir umfangreiche Akten. Sie zeigen, dass der BND bereits 1952 wusste, wo Eichmann in Argentinien lebte. Sie belegen auch, dass der Geheimdienst der Bundesrepublik wenig Interesse daran hatte, untergetauchte Nationalsozialisten zu enttarnen und sie zur Rechenschaft zu bringen. Im Gegenteil: Einige NS-Verbrecher durften sogar für den Geheimdienst arbeiten.
Zahlreiche SS-Leute beim Geheimdienst
Zu den BND-Mitarbeitern und Informanten, die zuvor für die Nationalsozialisten tätig waren, gehörten unter anderen die SS-Führer Emil Augsburg, Hermann Hubig, Rudolf Oebsger-Röder, Friedrich Panzinger, Walther Rauff und Fritz Zietlow. Hinzu kommt der Diplomat Franz Rademacher, der den Holocaust mit geplant und organisiert hatte. Die Akten der NS-Verbrecher lagern inzwischen im Bundesarchiv.
Zu den SS-Führern Franz Six, Hans Sommer und Hartmann Lauterbacher lagern noch Akten beim Geheimdienst. Wir haben sie beim BND angefragt und veröffentlichen sie an dieser Stelle.
Höchster Nazi-Funktionär im Geheimdienst war Hartmann Lauterbacher, der unter dem Decknamen „Leonhard“ für den BND arbeitete. Der einstige SS-Obergruppenführer war als NSDAP-Gauleiter des Gaus Süd-Hannover-Braunschweig unter anderem für die Deportation von Juden aus der Region zuständig. Im Jahr 1950 war Lauterbacher noch auf der Flucht vor der Justiz, als ihn der BND-Vorläufer Organisation Gehlen als Agent anstellte. Der frühere SS-Mann sollte in der DDR die Jugendorganisation unterwandern. Als 1951 in der Presse lanciert wurde, Lauterbacher sei nach Argentinien geflohen, vermerkte der BND intern, dass dies eine Lüge sei.
Unterstützung bekam Lauterbacher unter anderem vom persönlichen Referenten des damaligen Ministerpräsidenten in Kiel. Die beiden kannten sich aus der Hitlerjugend. Später spionierte Lauterbacher, getarnt als Geschäftsmann, in Nordafrika. Bis 1963 arbeitete Lauterbacher für den BND, später bekam er eine ordentliche Rente, wie aus den Dokumenten hervorgeht.
SS-Führer „mit Liebe und Erfahrung“
Der SS-Obersturmführer Hans Sommer, der schon unter den Nazis im Geheimdienst gearbeitet hatte, baute für die BND-Vorgängerbehörde Organisation Gehlen bis 1953 den Bezirksverband Nord auf. Er tue dies „mit Liebe und Erfahrung“, urteilten seine Kollegen in einem internen Vermerk. Auch nach seinem Dienstende war Sommer in Kontakt mit dem BND.
Aus den Akten geht hingegen nicht hervor, dass der Ex-SS-Mann Franz Six es bis zum hauptamtlichen Mitarbeiter des BND brachte. Im Zweiten Weltkrieg hatte er die Einheit einer Einsatzgruppe im Angriffskrieg auf die Sowjetunion und anschließend die Kulturpolitische Abteilung im Auswärtigen Amt geleitet. Zwar wurde Six offenbar für einen BND-Posten in Betracht gezogen. In den Akten wird der Kriegsverbrecher von den Agenten positiv beschrieben. Jedoch hatten sie offenbar Bedenken, dass die DDR die Personalie zur öffentlichen Kritik nutzen könnte.
So erfragt man Archiv-Akten der Geheimdienste
Anders als normale Behörden geben Geheimdienste ihre Archiv-Akten oft nicht ans Bundesarchiv ab. Es lohnt sich daher, Akten direkt bei den Diensten anzufragen und sich auf das Bundesarchivgesetz zu berufen. Vorlagen dafür gibt es hier und hier.
Auch Akten zu möglichen Beobachtungsobjekten der Geheimdienste können herausgegeben werden, solange sie älter als 30 Jahre sind. So hat das Bundesamt für Verfassungsschutz auf unsere Anfrage zum Beispiel ihre Akten zur Studentin und Aktivistin Conny Wessmann herausgegeben, die wir hier veröffentlichen. Wessmann engagierte sich gegen Rechtsextremismus und kam 1989 in Göttingen am Rande eines Polizeieinsatzes ums Leben. Antifa-Gruppen machten die Polizei für ihren Tod verantwortlich.
In der Folge sammelten verschiedene Verfassungsschutz-Ämter umfangreiche Berichterstattung zu dem Thema, archivierten Materialien der linken Szene und beobachteten interne Treffen unterschiedlicher Gruppierungen. Die Informationssammlungen sind jetzt öffentlich verfügbar – wie viele weitere Akten der Geheimdienste auch.
Hier geht es zu den Geheimdienst-Akten zu:
→ Klaus Barbie
→ Alois Brunner
→ Adolf Eichmann
→ Franz Albert Six
→ Hans Sommer
→ Hartmann Lauterbacher
→ Conny Wessmann
→ Akten und Recherchen zu Reinhard Strecker
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