Mehr als eine Milliarde Euro gehen der Allgemeinheit jedes Jahr verloren, weil Unternehmen ihren Sitz in eine deutsche Steueroase verlegen. Oft geschieht das nur auf dem Papier. An den Unternehmensadressen finden sich dann Wohnhäuser und Villen, in denen angeblich mehrere hundert Firmen gleichzeitig arbeiten sollen. Im November 2025 haben wir gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale das System deutscher Steueroasen erstmals bundesweit sichtbar gemacht: auf einer interaktiven Karte, die alle gemeldeten Firmen in 37 deutschen Steueroasen abbildet – dem Steueroasen-Verzeichnis.
Wenige Wochen nach unserer Berichterstattung hat die Bundesregierung nun reagiert: Sie will gegen „rein steuermotivierte Unternehmensverlagerungen” vorgehen und erhöht zum Jahresbeginn 2027 die Mindesthöhe der Gewerbesteuer. So sieht es ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vor. Damit soll verhindert werden, dass Unternehmen ihren Sitz nur zum Schein dorthin verlegen, wo die Steuer besonders niedrig ist, sagte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil. Doch um das System der Steuerflucht endgültig einzudämmen, ist die Anhebung zu gering, sagen Kritiker*innen.
Kampf gegen Gewerbesteueroasen
Der Gesetzentwurf sieht die Anhebung der Untergrenze für den Gewerbesteuerhebesatz von 200 auf 280 vor. Aus dem Hebesatz, den jede Gemeinde selbst festlegen darf, ergibt sich, wie hoch die Gewerbesteuer ist, die ein Unternehmen auf seinen Gewinn zahlen muss. Im Bundesdurchschnitt liegt der Hebesatz aktuell bei 438.
Eine solche Maßnahme hatte die Bundesregierung bereits im Koalitionsvertrag angekündigt, bisher aber keine Schritte unternommen. Dass es jetzt so schnell geht, kommt überraschend. Mitte Dezember 2025 hatte der Finanzausschuss des Bundestags sich mit dem Thema Gewerbesteueroasen beschäftigt und dabei eine Gesetzesänderung schon für Anfang 2026 in Aussicht gestellt. In der schriftlichen Aufzeichnung für die Sitzung wurde bereits im ersten Satz auf mediale Berichterstattung über Gewerbesteueroasen in „jüngerer Vergangenheit” verwiesen.
Kritik: Nicht alle Steueroasen dicht
„Mehr als ein Drittel der von FragDenStaat ermittelten Gewerbesteueroasen wären von der neuen Regelung überhaupt nicht betroffen”, erklärt die Bundestagsabgeordnete Karolin Otte. Sie sitzt für die Grünen im Finanzausschuss. Der neue Mindesthebesatz würde immer noch viel zu stark unter dem einer durchschnittlichen Kommune liegen, kritisiert sie: „In jedem Fall kann der Sumpf der Gewerbesteueroasen so nicht trockengelegt werden.”
Auch Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit sieht in der Erhöhung der Untergrenze einen richtigen Schritt, der aber noch lange nicht ausreicht. Er könne nicht nachvollziehen, wie die Bundesregierung auf den Grenzwert von 280 kommt und verweist auf einen Beschluss des Deutschen Städtetags von 2022. Dieser hatte einen Mindesthebesatz von 320 gefordert, um den „unfairen Steuerwettbewerb der Gewerbesteueroasen” zu beenden. Bei dieser Höhe würde es sich für Unternehmen nicht länger lohnen, Gewinne in Steueroasen zu verschieben.
Auf eine schriftliche Frage im Bundestag, warum die neue Untergrenze deutlich unter diesem geforderten Wert bleibt, antwortete die Bundesregierung nur ausweichend. Eine weitergehende Anhebung erachte man aktuell als „nicht zielführend”.
→ Zu unserer Recherche: „Das Steueroasen-Verzeichnis“
→ Zu unserer Recherche: „Die absurdeste Steueroase Deutschlands“
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