Leak: Eine Anleitung für Schmerzgriffe

„Es kann in den Genitalbereich gegriffen/geschlagen/gestoßen werden“ – dieser Satz stammt aus einem Lehrbuch der Berliner Polizei. Darunter zeigt ein Bild, wie zwei Männer die Anweisung ausführen. Das Buch erklärt Polizist*innen, wie sie sich in verschiedenen Einsatzsituationen verhalten sollen – und eben wie sie Menschen gezielt Schmerzen zufügen können. 

Mit sogenannten Schmerzgriffen attackieren Polizist*innen sensible Körperregionen ihres Gegenübers. Die Techniken sind hochumstritten. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel erklärte: „In der Polizei Berlin werden keine Schmerzgriffe ausgebildet.“ Doch interne Unterlagen zeigen genau das: Im „Handbuch Einsatztraining“ der Berliner Polizei werden die umstrittenen Schmerzgriffe gelehrt. Wir veröffentlichen den entsprechenden Ausschnitt des Lehrbuchs. 

Schmerzgriffe sind Druck- und Hebeltechniken, die extreme Schmerzen und gar Nervenschäden auslösen können. Insbesondere bei Sitzblockaden von Klimaaktivist*innen der Letzten Generation (inzwischen: Neue Generation) haben Polizist*innen diese Form der Gewalt in den vergangenen Jahren regelmäßig angewendet. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte bewertet die Techniken als besonders schweren Grundrechtseingriff. Wenn Polizisten Schmerzgriffe unverhältnismäßig einsetzen, können sie unter Umständen als Folter gewertet werden.

Schmerzgriff im Genitalbereich

Ein Foto im “Handbuch Einsatztraining” zeigt, wie der Schmerzgriff angewendet werden soll.

Unter welchen Voraussetzungen Schmerzgriffe überhaupt rechtmäßig sind, haben Gerichte noch nicht abschließend geklärt. Im Januar 2026 bestätigte das Berliner Oberverwaltungsgericht: Die Schmerzgriffe gegen den Klimaktivisten Lars Ritter von der Letzten Generation waren rechtswidrig. Die Berufung der Polizei ließ das Gericht nicht zu. Damit ist das Urteil rechtskräftig.

Ein Video hält fest, wie ein Polizist gegenüber Ritter ankündigt, Ritter werde in den kommenden Tagen Schmerzen beim Kauen und Schlucken haben, wenn er nicht von der Straße aufstehe. Ritter bleibt sitzen. Der Polizist zieht ihn am Kiefer nach oben, ein Kollege verdreht Ritter den Arm. 

Kiefergriff und Armstreckhebel als Selbstverteidigung?

Wie ein „Kiefergriff“ und ein „Armstreckhebel“ funktionieren, zeigt das Polizei-Lehrbuch. Die Kapitelüberschrift im „Handbuch Einsatztraining“ macht klar, wann diese Techniken angewendet werden sollen: Es geht um Sitzblockaden und um die Festnahme von Menschen. Auf den folgenden Seiten erklärt das Buch, wie Polizist*innen Daumen pressen, Kiefer greifen oder Ohren quetschen sollen.

Schmerzgriff am Kiefer

Schmerzgriff am Kiefer
Ein Foto im “Handbuch Einsatztraining” zeigt, wie der Kiefer von hinten gegriffen werden soll.

Das alles steht unter dem Punkt „einsatzbezogene Selbstverteidigung“. Doch Techniken im Lehrbuch zielen auf das „Lösen und Abtransportieren von Personen aus Sitzblockaden“ ab. Das Buch stammt aus dem Jahr 2020. Ob es aktuell noch eingesetzt wird, beantwortet die Berliner Polizei nicht. Die Begründung: Das „Handbuch Einsatztraining“ sei als Verschlusssache eingestuft.

Schmerzgriff statt Wegtragen

Im Fall des  Klimaaktivisten Lars Ritter hielt das Gericht fest: Der Einsatz der Schmerzgriffe war unverhältnismäßig. Es hätte mildere Mittel gegeben. Die Polizisten hätten Ritter einfach wegtragen können, um die Sitzblockade zu beenden.

Doch für die Berliner Polizei ändert das Urteil nichts. Auf Anfrage schreibt eine Sprecherin: „Es besteht […] kein Anlass, die Rechtmäßigkeit der Anwendung […] von Hebel- und Transporttechniken grundsätzlich in Frage zu stellen.“ 

Weiterhin erklärt die Berliner Polizei: „Das Wegtragen eines Menschen ist kein generell milderes Mittel gegenüber anderen Eingriffstechniken.“ Es steigere das Verletzungsrisiko für Beamt*innen und Protestierende, koste zu viel Zeit und Personal. Auch weil Polizeikräfte sich selbst schützen, setzen sie Schmerzgriffe bevorzugt ein, geht aus der Antwort der Polizei hervor.

Wie Polizist*innen Schmerzen verursachen können, erklärt das „Handbuch Einsatztraining“ auf mehr als 20 Seiten. Ziel der Griffe sei es, „das Gegenüber zu einem körperlichen Unterlassen“ zu veranlassen. 

Log die Polizeipräsidentin?

Das Handbuch legt auch offen: Bei sogenannten Druckpunkt- und Quetschtechniken geht es darum, Schmerzen oder Reizungen zu verursachen. Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel hatte behauptet, es gebe keine Techniken bei der Berliner Polizei, deren Ziel es sei, Schmerzen zu erzeugen. 

Ziel sei es, die gesetzlichen Aufgaben zu erfüllen, teilt die Polizei auf Nachfrage mit. Dafür verwende sie Kontrollgriffe und –techniken unter Ausnutzung von Nervendruckpunkten sowie Hebeltechniken. Mit anderen Worten: Mit den Techniken starke Schmerzen zu erzeugen, sieht die Berliner Polizei nicht als Ziel, sondern als probates Mittel. Die Techniken stammen aus dem Kampfsport Ju-Jutsu und seien wiederkehrend Teil der Aus- und Fortbildung.

Wir hatten 2023 bereits über ein altes Polizei-Lehrbuch berichtet, das Schmerzgriffe lehrt. Das neue Lehrbuch versuchten wir mit einer Klage nach dem Informationsfreiheitsgesetz zu befreien. Das Gericht entschied jedoch: Die Polizei muss das Lehrbuch nicht herausgeben. Denn Demonstrierende könnten sich dann auf die Schmerzgriffe vorbereiten, der „Überraschungsmoment“ fiele weg. Nun veröffentlichen wir das Handbuch, weil wir es aus einer anderen Quelle erhalten haben. Wann und wie die Polizei Gewalt auf Demonstrationen anwendet, wird öffentlich diskutiert und muss auch kontrolliert werden können. 

→ zum Polizei-Lehrbuch

→ zur Klage

→ zum alten Lehrbuch

Du möchtest Informationen mit uns teilen? Eine Anleitung dazu, wie das sicher und vertraulich möglich ist, findest du hier.

 

 

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