„Ich trete in das Vermächtnis eines Anspruchs“

Mario Voigt kann die Aufregung nicht nachvollziehen – dabei könnte sie wohl bald noch deutlich größer werden. Derzeit steht der Thüringer Ministerpräsident in der Kritik, nachdem bekannt wurde, dass ein Gastbeitrag in der Tageszeitung Die Welt, der unter seinem Namen erschienen ist, maßgeblich durch Künstliche Intelligenz (KI) erstellt wurde. Zwischenzeitlich entgegnete CDU-Politiker Voigt, er könne alle nur ermutigen, KI als Werkzeug zu nutzen. 

Diesem Credo folgt der Ministerpräsident offenbar schon länger: Ob beim Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus, in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder anlässlich des Trauerakts für seinen verstorbenen Amtsvorgänger – ein Großteil der Texte und Reden von Mario Voigt aus seiner aktuellen Amtszeit ist offenbar größtenteils durch KI generiert worden. Das zeigt unsere Auswertung.

Wenn KI der NS-Opfer gedenkt 

„Es war das Ergebnis eines Denkens, das die Menschlichkeit Stück für Stück aufgab – in Worten, in Entscheidungen, in Gleichgültigkeit.“ Mit diesen Worten beschreibt Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt am 29. Januar 2025 den organisierten Massenmord in den Konzentrationslagern der Nazis. Es ist eine Passage, die entlarvend wirkt. Denn die Ansprache, die Voigt an diesem Tag anlässlich des Gedenkakts für die Opfer des Nationalsozialismus hält, scheint das Ergebnis eines Denkens zu sein, das vollkommen ohne Menschlichkeit auskommt: Laut dem Analysetool Pangram ist Voigts Rede zu 100 Prozent KI-generiert. Das Programm GPTZero kommt zu dem Ergebnis, der Text sei „mit hoher Sicherheit“ durch Künstliche Intelligenz erstellt worden. 

Voigts Rede über den Holocaust und dessen Opfer enthält zahlreiche Passagen, die für KI-generierte Sprache typisch sind. Dazu zählen wiederholte Verneinungen und sowohl generische als auch schwer greifbare Sprachbilder. „Auschwitz war nicht das Werk eines erfundenen Ungeheuers. Es war das Werk von Menschen, die dachten, dass ihr Handeln im Einklang mit einem höheren Ziel stehe“, heißt es in der Rede. An anderer Stelle beschreibt Voigt die Überlebenden des KZ mit den Worten „Ihre Augen waren leer und zugleich unendlich tief“. Dieser und andere Sätze über die Auschwitz-Überlebenden finden sich wortgleich auch wenige Monate später in einer Rede Voigts zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Auf unsere Frage, ob es zutrifft, dass Voigts NS-Gedenkrede vollständig durch KI generiert wurde, antwortete seine Regierungssprecherin nicht.

Und auch bei zahlreichen weiteren Reden, die Voigt seit seinem Amtsantritt gehalten hat, scheint Künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Eine Analyse von Voigts Reden sowie von Zeitungsartikeln, die unter dem Namen des Ministerpräsidenten veröffentlicht wurden, zeigt ein deutliches Bild. Von elf analysierten Reden erkennt das Analysetool Pangram nur bei einem einzigen Text keine Hinweise darauf, dass der Text mit KI erstellt wurde.

Pangram gilt als eines der zuverlässigsten Programme, um durch KI generierte Texte zu erkennen, trotzdem können einzelne Analysen falsch sein. Im Gesamtbild zeichnet sich bei Voigts Texten jedoch eine klare Tendenz. Bei neun der elf Reden kommt das Analyseprogramm auf einen KI-Anteil von weit über 50 Prozent. Drei Reden scheinen laut Analyse vollständig KI-generiert zu sein. Dazu zählt auch die Neujahrsansprache des Ministerpräsidenten. Auch das Programm GPTZero sieht bei einem großen Teil von Voigts Texten starke Hinweise auf Künstliche Intelligenz als Autor. Zum Vergleich: Bei einer Analyse von 41 Texten von aktuellen und ehemaligen Amtskolleg*innen Voigts kam das Analysetool Pangram auf eine signifikant niedrigere KI-Wahrscheinlichkeit. Bei Mario Voigts Texten lag der Wert um ein zehnfaches höher.

Auf Nachfrage schreibt uns Voigts Sprecherin, die Staatskanzlei nutze KI als unterstützendes Werkzeug: „Die Systeme werden unterstützend bei der Erstellung von Reden, Texten und Beiträgen eingesetzt.“ Sie würden KI nicht als Ersatz menschlicher Arbeit, sondern als zeitgemäßes Hilfsmittel bewerten.

Voigts Gastbeiträge: Halluzinierte Forscher-Zitate in der FAZ?

Noch deutlicher fällt das Analyseergebnis für die Texte aus, die als Gastbeiträge Voigts in verschiedenen Zeitungen erschienen: für drei von vier Texten kommt Pangram auf einen KI-Anteil von 100 Prozent.

Dazu zählt ein Gastbeitrag, der im August 2025 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. Darin wird vor den Gefahren von Smartphones und dem Internet für Kinder gewarnt und ein digitales Schutzprogramm entworfen. „Es geht um mehr als Erziehung. Es geht um Würde“, heißt es dort. In welcher Weise Würde eine Rolle bei digitalem Kinderschutz spielt, wird in dem Text jedoch nicht ausgeführt.

Zudem zitiert der Text drei Wissenschaftler, um die These des Artikel zu bekräftigen: Den Psychologen Jonathan Haidt, den Neurobiologen Gerald Hüther und den Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. Keines der Zitate, die ihnen im Text zugeschrieben werden, konnten wir in ihren Büchern oder Online-Beiträgen verifizieren. Auf Nachfrage schreibt uns Manfred Spitzer, er glaube nicht, dass er den ihm zugeschriebenen Satz so wörtlich geschrieben habe. Die Thüringer Staatskanzlei antwortete nicht auf unsere Frage, woher die zitierten Passagen stammen.

Ein zentrales Problem von Künstlicher Intelligenz ist, dass in Texten zuweilen Halluzinationen generiert werden, also Inhalte, die zwar oberflächlich schlüssig klingen, aber frei erfunden sind. Dazu zählen auch ausgedachte Zitate, die tatsächlich existierenden Personen zugeschrieben werden. 

Trotz Richtlinien: KI-Nutzung nicht gekennzeichnet

Dass KI an einem Text beteiligt war, der als Gastbeitrag Voigts in der Tageszeitung Die Welt veröffentlicht wurde, hat die Staatskanzlei bereits eingeräumt. „Selbstverständlich nutzen wir bei unserer Arbeit auch moderne digitale Werkzeuge, darunter KI-Anwendungen“, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel. Nach dem Eklat bekräftige Voigt das Vorgehen sogar: Seine Gedanken von Software in die Schriftform bringen zu lassen, sei ein Qualitätsbeweis für moderne Thüringer Politik. Gekennzeichnet wurde der Einsatz von KI in der Zeitung jedoch nicht. 

Eine Muster-Dienstanweisung des Thüringer Digitalministeriums soll Orientierung geben, unter welchen Bedingungen Behörden in ihrer Kommunikation KI nutzen können. Dort heißt es, dass es grundsätzlich zulässig sei, beim Ausformulieren von Reden oder Gastbeiträgen auch Künstliche Intelligenz einzusetzen. Zugleich steht in der Dienstanweisung, dass bei Veröffentlichung klar darauf hingewiesen werden soll, wenn ein Text wesentlich mit KI entstanden ist. Außerdem sollen Behörden dabei offenlegen, welches KI-System sie eingesetzt haben. Derartige Hinweise finden sich bei keinem von Voigts Zeitungstexten; ebenso bei seinen Reden. Auf unsere Nachfrage zu diesen Widersprüchen mit den eigenen Leitlinien der Regierung antwortete Voigts Regierungssprecherin ausweichend. Es gebe keine generelle Kennzeichnungspflicht für KI-Texte. Die Anwendung erfolge auf Basis der erwähnten Dienstanweisung.

KI in der Staatskanzlei: Wir fordern Transparenz

Um Klarheit darüber zu schaffen, wie Thüringens Landesregierung und Ministerpräsident Voigt Reden und andere Texte durch Künstliche Intelligenz produzieren lässt, haben wir mehrere Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt: sowohl nach interner Kommunikation zu den Texten, als auch nach entsprechenden Richtlinien. Denn wenn unklar ist, welche Aussagen eines Politikers tatsächlich von ihm stammen und welche von einer Maschine generiert wurden, verschwimmen auch ethische Grenzen. 

April 2025: Im Erfurter Dom findet das Requiem für den langjährigen Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel statt. Hunderte Menschen sind gekommen, um den Verstorbenen zu würdigen und hören dort die Rede Mario Voigts: „Was bleibt von einem solchen Leben? Nicht die Chronologie. Nicht die Ämter, sondern die Haltung, mit der sie getragen wurden“, sagt er und scheint sich eng mit seinem Amtsvorgänger verbunden zu fühlen: „Wir hatten im Januar dieses Jahres noch ein Telefonat. Er gab mir noch Ideen für Thüringen mit. Mir ist bewusst: Ich trete nicht nur in das Amt eines Vorgängers, sondern in das Vermächtnis eines Anspruchs.“ Auch bei dieser Rede schlägt das KI-Erkennungstool an.

 

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