Über Klima wird gesprochen, wenn es brennt

„Wir haben heute alle zusammen Geschichte geschrieben“, sagte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Dezember 2015, nachdem sie für Deutschland das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet hatte. Damals verpflichteten sich fast alle Staaten der Welt, ihre Treibhausgasemissionen radikal zu senken, um die globale Erderwärmung deutlich zu begrenzen. Milliarden Menschen hätten lange auf diesen Moment gewartet, sagte Merkel. Deutschland habe das Abkommen „entscheidend mitgeprägt“. 

Man könnte erwarten, dass das Thema Klima von diesem Zeitpunkt an auch die Kommunikation der Bundesregierung einschlägig prägt. Ein Blick in die Regierungspressekonferenzen zeigt jedoch das Gegenteil. 

Für unser Projekt „Nachgeliefert“ haben wir sämtliche Transkripte der Regierungspressekonferenzen der letzten zwölf Jahre gesammelt, verschlagwortet und durchsuchbar gemacht. Der Datensatz umfasst mehr als 1.700 Protokolle mit mehr als elf Millionen Wörtern. Die Daten zeigen, wie politische Debatten entstehen und zu welchem Zeitpunkt welche Themen die Kommunikation der Bundesregierung dominieren. 

Druck von der Straße  

Nach Angela Merkels hoffnungsvoller Rede im Zuge der Pariser Klimakonferenz im Dezember 2015 gewann das Thema in den darauf folgenden Regierungspressekonferenzen tatsächlich nicht an Bedeutung. Im Gegenteil: Das Wort „Klima“ fällt im Folgejahr deutlich seltener. Im Jahr 2018 bricht die Kurve, die zeigt, wie oft der Begriff in den Regierungspressekonferenzen genannt wird, sogar signifikant ab. 

 

 

Einen spürbaren Anstieg erlebt das Thema Klima erst ab 2019. In diesem Jahr werden die Fridays-for-Future-Proteste zu einer weltweiten Bewegung. Nach dem Vorbild der Schülerin Greta Thunberg, die sich ab August 2018 jeden Freitag mit einem Schild vor das schwedische Parlament setzte, gehen überall auf der Welt hunderttausende Menschen jeden Freitag auf die Straße und demonstrieren für eine gerechtere Klimapolitik. 

Mit den Protesten wächst der Druck auf die Bundesregierung. Im Jahr 2019 fällt das Wort „Klima“ in mehr als 70 Prozent aller Regierungspressekonferenzen. Das ist mehr als doppelt so häufig wie in den Jahren unmittelbar nach dem Pariser Klimaabkommen. Die Proteste machen das Klima zum politischen Dauerthema in Deutschland. 

Die Bundesregierung scheint darauf zu reagieren. So richtet die Merkel-Regierung im März 2019 ein Klimakabinett ein, bestehend aus der Kanzlerin und mehreren Minister*innen. In wenigen Monaten erarbeitet das Gremium ein Klimapaket. Die Wissenschaftsvereinigung Scientists for Future bezeichnet die Maßnahmen des Klimapakets allerdings als „absolut ungenügend“. Die Pläne seien „der Dringlichkeit der Klimakrise sowie den anzustrebenden Reduktionszielen nicht gerecht“. 

Zuerst Corona, dann die Ampel

Im Jahr 2020 flachte die Kurve der Klima-Erwähnungen allerdings deutlich ab. Anfang des Jahres beginnt die Corona-Pandemie und bestimmt den politischen Alltag. Kontaktsperren und Lockdowns verändern das öffentliche Leben. Auch Proteste, wie die von Fridays for Future, werden untersagt. Damit verschwindet auch die Sichtbarkeit des Themas auf der Straße. Die Unsicherheit der Pandemie verdrängt die Klimadebatte aus den Regierungspressekonferenzen.

Überraschenderweise erfährt der Begriff „Klima“ im Jahr 2023 jedoch seinen Höchststand. In mehr als 80 Prozent der Regierungspressekonferenzen wird er genannt. Dieser Anstieg ist allerdings nicht darauf zurückzuführen, dass die Regierung – zu diesem Zeitpunkt die Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen – eine umfangreiche Klimapolitik betreibt. Stattdessen dominieren Konflikte innerhalb der Koalition die Debatte. Vor allem der Streit um das Klimaschutzgesetz und das Heizungsgesetz prägt in dieser Zeit die Regierungspressekonferenzen – weshalb der Begriff Klima so häufig fällt. 

Vom Klimawandel zur Klimakrise

Die Daten zeigen nicht nur, wann über das Klima gesprochen wird, sondern auch wie. Während der Ampelregierung taucht der Begriff „Klimakrise“ deutlich häufiger auf. Das ist vor allem auf das Auswärtige Amt unter der Grünen-Ministerin Annalena Baerbock zurückzuführen. Sie selbst und ihre Sprecher*innen verwenden fast durchgehend das Wort „Klimakrise“ statt „Klimawandel“. Ein Beispiel hierfür ist ein Bericht zu einer Reise der Außenministerin nach Neuseeland:

Am darauffolgenden Tag, den 17. August, wird Außenministerin Baerbock weiter nach Auckland in Neuseeland reisen. Auch hierbei handelt es sich um einen Antrittsbesuch. Thematischer Schwerpunkt in Neuseeland werden neben der bilateralen und wirtschaftlichen Kooperation mit Neuseeland die Eindämmung der Klimakrise, die Stabilität im Indo-Pazifik und die Zusammenarbeit mit den pazifischen Inselstaaten sein. In Auckland wird die Ministerin, wie in Neuseeland üblich, zunächst mit einer traditionellen Zeremonie begrüßt.

Der Begriff „Klimakrise“ soll im Gegensatz zu „Klimawandel“ verdeutlichen, dass es sich nicht um eine abstrakte Veränderung, sondern um eine akute Bedrohung handelt. Internationale Medien, wie die britische Zeitung The Guardian, haben aus diesem Grund ihre Sprachregelungen angepasst. Auch das Deutsche Netzwerk Klimajournalismus spricht ausschließlich von der Klimakrise. 

Weniger Klima unter Merz

Nach der Bundestagswahl Anfang des Jahres 2025 und dem Amtsantritt der Regierung unter Friedrich Merz wird der Begriff „Klima“ in den Regierungspressekonferenzen erneut deutlich seltener verwendet. Inzwischen wird Klima noch seltener genannt als in der Zeit vor 2019 und dem Beginn der Fridays-For-Future-Proteste. 

Zwar wird weiterhin über Klimaziele gesprochen. Doch bei den konkreten Vorhaben bleibt die Merz-Regierung vage. Stattdessen dominieren Begriffe wie „Technologieoffenheit“. Dies ist oftmals die Antwort auf die Frage, wie die Bundesregierung ihr Ziel, bis 2045 klimaneutral zu sein, erreichen will. 

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche geht noch einen Schritt weiter. Im März 2026 hätte Reiche laut Medienberichten in der texanischen Stadt Houston vor Hunderten Managern der weltweit wichtigsten Öl- und Gasunternehmen gesagt, sie plädiere für mehr Flexibilität bei den europäischen Klimazielen. In der darauffolgenden Regierungspressekonferenz wichen Sprecher des Wirtschaftsministeriums Nachfragen dazu aus. Deshalb haben wir noch einmal schriftlich bei der Behörde nachgefragt. 

Wie Du den Datensatz nutzen kannst:

  • Frag selbst nach: Beantworten Regierungsvertreter*innen die Fragen nicht, könnt ihr selbst mit wenigen Klicks nachhaken: Unser Tool ermöglicht euch, die fehlenden Informationen direkt per Informationsfreiheitsgesetz anzufragen. 
  • Folge deinem Thema: Du willst direkt informiert werden, sobald in der Regierungspressekonferenz über ein bestimmtes Thema gesprochen wird? Wir machen’s möglich! Richte Dir Deinen persönlichen Newsletter ein, damit Du die neusten Pressekonferenzen direkt in Dein Postfach bekommst, wenn über Deine Themen gesprochen wird.
  • Finde raus, was wann im Fokus steht: Wann wurde erstmals über die Streichung der Förderung für Demokratieprojekte gesprochen? Stimmt es, dass niemand mehr übers Klima redet? Und spricht die Bundesregierung eigentlich über „Flüchtlinge“ oder „Geflüchtete“ – und wann hat sich das geändert? Mit unserem Tracker kannst Du nachvollziehen, wann, wie und wie oft in den letzten Jahren über ein Thema gesprochen wurde und wie sich der Diskurs verändert hat. Dabei kannst Du auch verschiedene Begriffe im Laufe der Zeit vergleichend analysieren.

→ Hier geht es zum Datensatz

Dieses Projekt wird gefördert vom Media Forward Fund. 

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